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Perspektivwechsel mit dem Erfolgstagebuch

 

Du hast vielleicht hier oder da schon einmal von einem Erfolgstagebuch gehört. Als Synonym hierfür gibt es auch Erfolgsjournals oder Dankbarkeitstagebücher. Simpel ausgedrückt ist es ein Ort, an dem du all deine kleinen und großen Erfolge sammelst. In der Bubble der Persönlichkeitsentwicklung stolpert man sehr häufig über Erfolgstagebücher. Im Lernkontext mit Schülern und Schülerinnen ist es mir ehrlich gesagt noch nicht so viel über den Weg gelaufen. Und das ist sehr schade, denn hier verbirgt sich eine große Chance für euch Zuhause.

 

Die innere Stimme

Du kennst sicherlich auch diese leise Stimme, die sich zwischen deinen Ohren befindet und hin und wieder auch sehr laut werden kann. Ich meine damit die kritische Stimme, die immer alles besser weiß und immer etwas zu bemängeln hat. Meine innere Kritikerin ist oft gar nicht so leise, sondern sehr gut darin, mir meine Erfolge kleinzureden oder sie mich gar nicht erkennen zu lassen. Generell neigen wir Menschen dazu (und uns Deutschen wird das besonders stark nachgesagt), dass wir immer das Haar in der Suppe suchen.

Und daran ist nicht nur schlechtes: Diese kritische Stimme lässt uns einen Schritt zurücktreten und die Situation anschauen, um dann wiederum daraus neue Schlüsse ziehen zu können. Sind wir zufrieden oder wünschen wir uns eine Veränderung? Unser kritisches Selbst hilft und also, uns zu reflektieren und unser Leben nach unseren Vorstellungen auszurichten. Mittlerweile lehne ich daher meine innere Kritikerin nicht mehr komplett ab, sondern weiß sie zu schätzen.

Ungünstig ist es nur, wenn diese Kritikerin in mir zu laut wird und mich meine Erfolge nicht mehr sehen lässt. Und genau hier kommt das Erfolgstagebuch ins Spiel, denn mit einer regelmäßigen Routine, in der du lernst, deine Erfolge sichtbar zu machen und zu dokumentieren, wird es dir helfen, durch schwierigere, energielose und frustrierende Zeiten zu kommen.

Und schauen wir jetzt mal wieder mehr auf dein Kind, dann wird dein Kind mit einer knackigen Selbstreflexions-Routine und einem Erfolgstagebuch lernen, den Blick weg von „Das klappt alles nicht!“ und hin zu „Das hat schon gut funktioniert!“ verschieben. Und das ist doch eine wichtige Fähigkeit in unserer schnelllebigen, leistungsorientierten Gesellschaft.

 

Welche Erfolge gehören in ein Erfolgstagebuch hinein?

 

„Erbrachte Leistung“

Als Erstes denken wir bei Kindern und Erfolgen in Bezug auf die Schulzeit doch vermutlich alle an die Noten, oder? Natürlich ist das ein großer Erfolg, wenn dein Kind mit einer Zwei in der Physik-Klassenarbeit nach Hause kommt. Auch wenn das Referat oder ein Gruppenprojekt bei den Lehrkräften positiv ankam, ist das definitiv ein Erfolg. Dennoch ist es wichtig, das Erfolgstagebuch nicht ausschließlich hieran festzumachen, da Noten sehr viel weniger aussagen, als wir oft denken. Aber das ist nochmal ein ganz anderes Thema, worauf ich jetzt nicht näher eingehen möchte.

 

To Do’s / Verhalten / Aktivitäten

Definitiv gehören gemeisterte Aufgaben und Vorhaben in das Erfolgstagebuch deines Kindes. Hat dein Kind die gesamte Woche das Hausaufgabenheft vollständig ausgefüllt? Dann ist das definitiv ein Erfolg! Hat dein Kind statt einem Wutanfall nur 5 Minuten diskutiert, bevor es mit seinen Hausaufgaben angefangen hat? Mega gut! Hat es selbständig den Ranzen für den morgigen Tag gepackt? Fantastisch! Alles das darf dein Kind in das Erfolgstagebuch eintragen.

 

Feedback

Besonders schön ist es immer, wenn man Feedback, was einem in irgendeiner Art und Weise zugetragen wird, in dem eigenen Erfolgstagebuch festhält. Denn so schnell sind diese Rückmeldungen vergessen – im Gegensatz zu einer Kritik, die uns erreicht. Das kann eine Aussage des Lehrers sein oder aber auch eine Mitschülerin, der aufgefallen ist, wie gut dein Kind ihr Thema xy erklären konnte, oder, oder, oder… Erzählt dein Kind am Mittagstisch von irgendeiner Situation, in der es positives Feedback bekommen hat, dann nutzt gemeinsam den Anlass, den Wortlaut in das Erfolgstagebuch deines Kindes einzutragen.

 

Psyche & Mindset

Meist zählen wir Punkte aus diesem Bereich weniger oft als Erfolg für uns auf und dadurch fliegen sie oft etwas unter dem Radar. Genau deshalb möchte ich darauf hinweisen, dass Aussagen wie „Und dann hab ich doch gemerkt, dass ich das kann!“ oder „Ich habe gemerkt, dass ich da Hilfe brauchte und habe…“ genauso Gold wert, wie das Erfolgserlebnis einer guten Note. Sie sind gleichwertig in dem Erfolgsjournal deines Kindes. Also höre bitte genau hin, wenn dein Kind so etwas erzählt. Diese vermeintlichen kleinen Erfolge sind oft Gamechanger bei der Lernkurve deines Kindes, wenn es weiß sie für sich zu nutzen und aus positiven Erfahrungen zu lernen. Auch Situationen, in denen dein Kind einfach zufrieden mit sich war, sollten direkt mit aufgegriffen und eingetragen werden.

 

Beziehung

Butter bei die Fische, wie man hier im Norden sagt! Das Lernen und die Schule kann doch hin und wieder schon ein großes Konfliktpotential Zuhause bergen, oder? Und wenn du dich auf meine Website verirrt hast, dann unterstelle ich jetzt einfach mal, dass du noch nicht 100%ig zufrieden bist, mit der aktuellen Lernsituation Zuhause. Streit, Türen knallen, Frust, Wutanfälle und Resignation sind bei vielen Familien nicht selten, wenn es um die Schule geht. Gerade deswegen gehören in das Erfolgstagebuch deines Kindes definitiv Punkte wie: mir Thema xy von Mama erklären lassen, bei xy um Hilfe gefragt, mit Mama laut gelacht als ich… Und nochmal als Reminder: Die Beziehung steht immer an oberster Stelle! Die Schule mit all dem, was weiter daran hängt, ist zweitrangig.

 

Energiearbeit

Ein wesentlicher Punkt, den wir alle lernen dürfen, ist es, mit unserer Energie richtig zu haushalten. Damit meine ich, uns selbst kennenzulernen und zu beobachten, was wir brauchen. Was sind unsere Energiequellen und was sind unsere Energieräuber? Wenn dein Kind heute auf die eigenen Bedürfnisse geschaut hat und festgestellt hat, dass es erstmal seine Ruhe braucht und eine halbe Stunde niemanden sehen will, dann ist das ein riesiger Erfolg, denn es ist für seine Bedürfnisse eingestanden! Erst wenn der Energietank wieder aufgefüllt ist, wird es genug Power haben, um sich auf die anstehende Klassenarbeit vorzubereiten. Vielleicht wird es aber auch feststellen, dass es einmal im Rekordtempo um den Block rennen will, bevor es loslegen kann… Wir alle sind unterschiedlich und umso früher dein Kind lernt, sich selbst zu beobachten und reflektieren, desto positiver wird sich das auf seinem Lernweg auszahlen.

 

Wie kann ein Erfolgstagebuch aussehen?

Klassischerweise stellen wir uns ein Erfolgstagebuch wahrscheinlich als eine Art Buch oder Heftchen in unseren Händen vor, in das wir täglich oder wann auch immer hineinschreiben. Ich möchte dich dazu einladen, etwas freier zu denken und zu schauen (gerne auch gemeinsam mit deinem Kind), was die passende Variante für dein Kind sein könnte. Schreibend, zeichnend, fotografierend, in auditiver Form… Täglich, wöchentlich, intuitiv…

 

Analoge Erfolgstagebücher

 

Das klassische Notizbuch

Entweder komplett als freies Journal oder mit vordatierten Seiten wie bei einem Kalender. Liniert, kariert, punktiert oder blanko… ausformuliert, in Stichworten oder als kleine Zeichnung… DinA5, DinA4… schlicht einfarbig, buntes Cover, inspirierendes Zitat auf dem Deckblatt… Da ist für jeden etwas dabei!

 

Erfolgsglas

Auch eine schöne Variante, wenn ihr ein großes Glas Zuhause habt! Einfach kleine Zettelchen beschriften, zusammenfalten und in das Glas legen (am Besten vorher noch mit dem Datum versehen)… Das birgt eine schöne Überraschung, wenn dein Kind sich nach und nach die Zettelchen herausnimmt und sich anschaut.

 

Pinnwand

Hat dein Kind noch viel Platz an den Wänden? Dann käme hier auch eine klassische Pinn- oder Magnetwand infrage, die mit verschiedenen, bunten Post-It’s für jeden Erfolg versehen werden kann.

 

Digitale Erfolgstagebücher

 

Handyliste

Praktisch ist es auch, eine Erfolgsliste auf dem Handy zu haben. Diese Art von Erfolgstagebuch führe ich zurzeit. Denn wenn dein Kind gar nicht mehr so klein ist, sondern dich von der Größe schon bald eingeholt hat, dann wird es sicherlich im Alltag auch nicht mehr ohne das Smartphone das Haus verlassen. Eine Liste auf dem Handy ist also optimal, um schnell den ein oder anderen Eintrag zu machen.

 

Fotoalbum

Gerade für die visuell geprägten unter uns, ist ein Fotoalbum auf dem Handy sicherlich auch eine Variante des Erfolgstagebuchs, in dem man sich immer wieder voller Freude die eigenen Erfolge bewusst machen kann. Schwierig kann es hier bei “innerlichen Erfolgen” sein, die man nicht im Materiellen erkennt. Vielleicht findest du hier ein passendes Motiv, dass zu deinem Gefühl passt und beschriftest das Foto digital mit zwei oder drei Stichworten.

 

Sprachmemo

Diese Variante wird meiner Einschätzung nach viel zu selten genutzt, die ich aber auch für eine sehr schöne Möglichkeit halte. Hat dein Kind ein eigenes Smartphone, dann kann es sich die persönlichen Erfolge auch als Sprachdatei einsprechen und immer wieder anhören. Mit ganz wenig Aufwand kann dein Kind hier etwas intensiver auf die Situation eingehen und später die Emotionen in der eigenen Stimme wiedererkennen.

 

Kombinierte Varianten

Du siehst also, es gibt eine Menge Möglichkeiten der Erfolgstagebücher. Und dabei habe ich hier sicherlich nicht alles abgedeckt. Je nachdem, was man sammeln möchte, wäre auch eine kombinierte Version aus zwei Varianten denkbar. Denn vielleicht möchte dein Kind gerne mit einem Foto ein besonderes Erlebnis festhalten und in einem Ordner dokumentieren. Der Aufwand, um dieses dann aber auszudrucken und in das klassische Notizbuch zu kleben, ist im Alltag zu groß. Dann spricht auch überhaupt nichts dagegen hier zu kombinieren. Hauptsache es ist im Alltag praktikabel, nicht besonders aufwendig und dein Kind kann sich immer wieder an den eigenen Erfolgen erfreuen.

 

Findet eure Journal-Routine

Eine neue Routine aufzubauen, kann sich manchmal als schwierig erweisen. Gerade wenn dein Kind mit dem Reflektieren oder Journalen noch keine Erfahrung hat, dann braucht es hier zu Beginn etwas Begleitung von dir. Umso jünger dein Kind ist, desto intensiver bist du in deiner Rolle gefragt.

Und dabei macht es euch nicht zu umständlich! Die Journal-Routine soll kurz und knackig sein und keine große Mühe kosten!

Nützlich ist es bei neuen Routinen diese immer an bestehende Alltagsroutinen zu knüpfen (wie z.B. die Zähne putzen, der morgendliche Kakao…) und das Journal irgendwo offensichtlich liegen zu haben bzw. einen Reminder zu haben.

 

Als Abendreflexion

Ich persönlich präferiere ein kurzes Check-Up am Abend. Gerade wenn der Tag sich dem Ende neigt, man sich bettfertig macht und den Tag Revue passieren lässt, ist es schön, sich nochmal die Highlights bewusst zu machen.

 

Als Start in den Morgen

Auch eine schöne Variante den Tag zu starten, ist es, sich die positiven Erlebnisse des Vortages beim morgendlichen Kakao, Tee oder Kaffee bewusst zu machen und aufzuschreiben. Ist euer Morgen aber oft von Stress und Zeitdruck geprägt, dann wäre das wahrscheinlich nicht die optimale Variante in dieser Phase.

 

Als Wochenreflexion

Das Erfolgstagebuch könnte auch ein Sonntagsritual eurer Familie sein, in der die persönliche Journal-Variante ausgeführt werden darf. Nachteil ist hier, dass die kleinen Erfolge aus dem Alltag oft untergehen, da man sich oft zwei Tage später schon nicht mehr daran erinnert. Wenn euch aber die tägliche Journal-Routine stressen würde, dann kann dies eine gute Alternative sein.

 

Auf die intuitive Art

Nutzt dein Kind hauptsächlich die digitale Variante einer Handyliste oder eines Fotoalbums, dann wird es vermutlich mehr intuitiv, diese füllen wollen. Und auch das ist auf jeden Fall eine gute Variante. Beobachtet einfach, welche Variante am besten für eure Familie funktioniert.

 

Erfolgstagebuch ausgefüllt! Und jetzt?

Wozu ist das nun gut, dieses Erfolgstagebuch zu haben?

Wir vergessen oft so sehr, was alles schönes in der Vergangenheit passiert ist. Ein bisschen in dem eigenen Erfolgstagebuch zu blättern, kann dann eine richtig schöne Erinnerung sein. Es ist auch eine schöne Dokumentation des geschafften Weges.

Viel entscheidender finde ich aber den Nutzen eines Erfolgstagebuchs in emotional schwierigen Phasen. Ist dein Kind gerade völlig demotiviert? Hat es das Gefühl, dass das alles sowieso gerade keinen Sinn ergibt und es das alles nie begreifen wird? Gerade in Zeiten, in denen dein Kind stark an sich und seine Fähigkeiten zweifelt, sind die eigenen Notizen aus anderen Zeiten Gold wert, denn an diese wird es sich in diesen Phasen nicht mehr erinnern können. Da ist so ein Reminder was besonders Schönes und vor allem Hilfreiches, denn dies kann nochmal ein Motivationspush für dein Kind bedeuten.

 

Eine kleine Ergänzung

Wenn du schon planst, wie ihr Zuhause so ein Erfolgstagebuch (oder wie ihr es auch immer nennen wollt) einführt, dann überleg dir doch auch direkt eine Variante für dich selbst. Es muss nicht aufwenig sein. Einfach eine Liste auf dem Handy oder wie es passend für dich ist. Du wirst bei dir selbst merken, wie gut es sich anfühlt, hier ein bisschen zu stöbern.